«Schuhe, Kleider, Ketten, Brillen, oder gleich ganze Wohnungseinrichtungen werden ins Jenseits befördert.»

Wenn Tim gefragt wird, welche Religion man in Vietnam am häufigsten antrifft, ist seine Antwort stets die selbe: Den Ahnenkult.

Wenn es im Hauseigenen Familienaltar und um das ganze Bauwerk herum zu einer geringen bis mittleren Rauchentwicklung kommt, sind das meist nicht nur die klassischen Räucherstäbchen. Opfergaben werden meist in Papierform verbrannt, um den Verstorbenen Dinge aus dem Diesseits zukommen zu lassen. Nach dem Tod ist nämlich noch lange nicht Schluss und auch auf der anderen Seite müssen die Angehörigen dann mit Geld, Kleidern, oder dem neuen IPhone X versorgt sein. Wenn die als Karton oder Papier nachgestellten Dinglichkeiten erst einmal im Himmel angekommen sind, verwandeln sich die verbrannten Gegenstände wieder zurück in ihre realen Gegenstücke.
 
 
 

 

«Abends werden kleine Tischchen vor die Haustüren gestellt, beladen mit allem möglichen zum verbrennen.»


Besonders ausgeprägt finden diese Praktiken an Vollmond, den entsprechenden Todestagen oder zum vietnamesischen Monatswechsel hin statt. Abends werden kleine Tischchen vor die Haustüren gestellt, beladen mit allem möglichen zum verbrennen. Dabei sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt: Neben Papiergeld in verschiedenen Formen, wie etwa vietnamesische Dong, US-Dollar und Euro werden auch allerhand Gebrauchsgegenstände geopfert. Schuhe, Kleider, Ketten, Brillen, oder gleich ganze Wohnungseinrichtungen werden ins Jenseits befördert. Für gewöhnlich übernimmt das opfern der älteste Sohn der Familie. Er hat schliesslich alles geerbt und steht seinen Ahnen gegenüber dafür nun in der Pflicht. Die Aufgabe teilt er sich mit seiner Frau, die dann in den allermeisten Fällen aus einer anderen Familie stammt, diesem Ritual aber trotzdem gleichwertig beiwohnt. Dieser ganze Aufwand wird allerdings nicht völlig uneigennützig betrieben. Von den Ahnen wird im Gegenzug erwartet, dass sie nun der eigenen Familie mit sämtlichen Angehörigen schützend beistehen und wann immer sie dazu in der Lage sind, zu helfen. Sie wachen über dich, am Tag und auch des Nachts – das bekommt Tim immer wieder zu hören. Gerade wenn mal was gut läuft im Leben, wer hat geholfen? Genau.

In meinem Bekanntenkreis bildet sich hier übrigens ein interessantes Paradoxon: Meine Frau glaubt, wie im Buddhismus üblich, an die Wiedergeburt. Dennoch praktiziert Sie den üblichen Ahnenkult. Auf meine Nachfrage, wo die Opfergaben dann landen, wenn die Ahnen bereits wiedergeboren wurden, bekomme ich immer die gleiche Antwort: "Tim, ich will nicht über das reden. Du verstehst das nicht".

Tims Schlusstipp: Häufig muss man in Vietnam mit Widersprüchen leben. Und das möglichst ohne zu widersprechen.