«Von einem Konzept, dass es in Vietnam nicht gibt – Mein und Dein gibt es nicht.»

Seine erste Berührung mit dem Thema "Dein, mein und unser" hatte Tim im Flugzeug. Genauer befand er sich auf dem Weg von Taipei nach Hanoi, als ihn plötzlich die Müdigkeit überfiel und in einen kurzen, aber tiefen Schlaf fallen liess. Das penetrante aber auch irgendwie beruhigende Summen der Turbinen 9000 Meter über dem Erdboden lässt Tim über kurz oder lang eigentlich immer ins Land der Träume gleiten. Und früher oder später wacht er dann auch wieder auf – meistens hungrig. Die Hand wandert also ganz selbstverständlich zur vorher gekauften Nüsschenpackung. Aber Tims Hand war da wohl nicht die erste, denn zu seiner Enttäuschung fand er die Packung leer vor. Hatte er wirklich schon alle Nüsse gegessen? Unwahrscheinlich, Tim isst normalerweise nur Torte wie im Schlaf.
 
 
 

 
Damals wusste er noch nicht, dass er soeben seine erste Lektion im vietnamesischen Kulturunterricht erhalten hatte. Und das noch bevor er jemals einen Fuss auf die vietnamesische Landmasse gesetzt hatte. Heute ist dieses Verhalten fast schon selbstverständlich für Tim. Verständnis hierfür setzt ja keine komplexen Denkvorgänge voraus, man muss es nur wissen. Trotzdem war es für den aus dem westeuropäischen Kulturkreis stammenden Tim mehr als nur gewöhnungsbedürftig.

Kommen wir zu ein paar anekdotischen Beispielen:

Beim gemeinsamen Essen im Restaurant oder ähnlicher Lokalität bestellt sich nicht jeder ein Gericht, auf das er oder sie gerade Lust hat. Stattdessen bestellt man traditionell gemeinsam drei bis fünf Gerichte, an denen sich dann alle bedienen. Die Teller werden einfach auf den Tisch gestellt und jeder nimmt sich, wonach einem gerade der Sinn steht.

Wenn Tim fragt, wo zum Beispiel seine Hausschuhe hingekommen sein könnten, läuft es ähnlich: "Nimm doch einfach die anderen da drüben, die könnten passen. Sei nicht so kleinlich!".

«Nimm doch einfach die anderen da drüben, die könnten passen. Sei nicht so kleinlich!»


Oder aber auf die Frage, um wessen Bett es sich hier nun genau handle: "Ich schlafe hier, zusammen mit meiner älteren Schwester. Und mit Mama. Und wenn Grossmutter zu Besuch bei uns ist, schläft sie auch hier.".

"Wenn die rote Zahnbürste deine ist, und die blaue die von deinem Bruder…wo sind dann die Zahnbürsten deiner Eltern?" "Nein, nein, das verstehst du falsch, lieber Tim. Die rote ist für Montag, die blaue für Dienstag…".

Auch nach seiner ersten Landung hat Tim so etwas erlebt. Beim Geld wechseln am Flughafen hatte der Fahrer Schwierigkeiten, den von mir gewechselten Betrag zu erkennen. Da seine Neugier aber stärker war, wartete er, bis ich fertig war mit wechseln, um mir dann wie selbstverständlich die Quittung aus den Händen zu reissen.

Aber zurück zum noch immer hungrigen Tim im Flugzeug. Er konnte ein Schmatzen und Knacken hören, dass ganz definitiv von dem Turbinengesäusel zu unterscheiden war. Ein Blick nach rechts offenbarte Tim ein glücklich grinsendes, vietnamesisches Gesicht, in dessen Mund sich ein Nüsschen nach dem anderen verirrte. Waren das seine Nüsschen? Nicht wirklich, denn in Vietnam gibt es nicht "meine" Nüsschen. Es waren ihre. Trotzdem hätte der Nachbar Tim gern ein paar von "ihren" Nüssen übrig lassen können.