«Diese Hunde von den Strassen in Südvietnam werden jedoch bald ganz woanders sein – viele Kilometer nördlich, in den Suppentöpfen Chinas.»

Alles nimmt seinen Anfang weit unten, im Süden Vietnams. Die Strassen sind gespickt mit Hunden und es fällt einem schwer, das nicht zur Kenntnis zu nehmen. Diese Hunde von den Strassen in Südvietnam werden jedoch bald ganz woanders sein – viele Kilometer nördlich, in den Suppentöpfen Chinas. Dort, wie auch im nördlichen Vietnam, gelten die Vierbeiner als Delikatesse. Sie werden in speziellen Suppenküchen mit der Aufschrift "thit chó" serviert. Bis es dazu kommt, haben die Tiere tausende qualvolle Kilometer hinter sich. Voller Angst werden sie in enge Hühnerkäfige gequetscht und auf Lastwagen den weiten Weg über den Wolkenpass gegen Norden transportiert. Doch die Nachfrage ist da, und deshalb auch das Angebot.


 

 
Auch in Europa war Hund auf der Speisekarte für lange Zeit sehr wohl denkbar. Bevor der Verzehr von Hundefleisch 1986 gesetzlich verboten wurde, gab es auch hier etwa geschnetzelte Hundeleber, Schulterfilet oder eine Hundekeule mit jungen Ratten als Beilage. So kommt man schnell zu der Annahme, Hund sei in Vietnam bloss einer weitere ganz gewöhnliche Fleischsorte wie Huhn oder Schwein. Tim hat noch nie etwas von einer kommerziellen Hundezucht zur Fleischgewinnung gehört, und da er stets auf der Suche nach Antworten ist, stellt er sich also die Frage, wo diese Hunde nun überhaupt herkommen. ,"Auf einmal hatte ich da Hund in meiner Suppe", so leicht soll die Antwort nicht sein.

Der domestizierte Hund ist eine unglaublich treue Seele. Es macht den Anschein, als liebt er den Halter oder die Halterin mehr als sich selbst. So auch ,,Boss", der Hund aus dem Hause vom Tims Schwiegereltern. Boss ist ein Wachhund, wie er im Buche steht. Jeder Gast wird mit feiner Nase selbst 100 Meter gegen den Wind geprüft und beurteilt, sodass immer direkt klar ist, ob Freund oder Feind naht. Dabei ist Boss ein unglaublich ruhiger und ausgeglichener Zeitgenosse, der starker Ausstrahlung und bestimmtem Blick über das Grundstück schreitet. Man munkelt, dass er in der Nacht sogar Geister sehen kann. Manchmal bellt er, obwohl niemand zu sehen ist. Dann wissen wir, dass er malwieder einen Untoten erspäht hat. Boss und Tim sind zu engen Freunden geworden. Ausschlaggebend dafür ist eine Wurst gewesen – wir könnte es anders sein. Mittlerweile weiss Tim sehr genau, Boss vietnamesisches Hundeherz zu begeistern. Eines bestimmten Tages lag Boss nur winselnd am Boden. Und das gerade einmal 15 Meter vom Haus entfernt.

«Hunde sind in Vietnam sehr lukrativ, der Diebstahl eines Hundes nicht mit grossem Aufwand oder Risiken verbunden.»


Hunde sind in Vietnam sehr lukrativ, der Diebstahl eines Hundes nicht mit grossem Aufwand oder Risiken verbunden. "Hunde gibt's hier wie Sand am Meer und pro Stück kann man bis zu 500.000 VND verdienen", sagt ein Insider. Bei einem durchschnittlichen Monatsgehalt von etwa 3 Millionen VND ist es fast schon nachvollziehbar, wie hier ein ganzer Wirtschaftszweig entstehen konnte. Besonders wenn man bedenkt, dass pro Ladung eines Lastwagens zum Teil einige Hundert Tiere verkauft werden. So war auch Boss in die Fänge, oder vielmehr in die schmutzigen Hände einer Hundemafia gelangt. Diese jagen mit allen Mitteln und Tricks, nutzen alles, von giftiger Nahrung bis zum Elektroschocker. Boss aber lässt sich nicht so leicht unterkriegen und im gelang die Flucht.

Hundefleisch ist besonders in Südost-Asien ein durchaus bekanntes Problem. In Thailand werden immer wieder illegale Hundeschlachthöfe geschlossen, wie z. B. in Ban Tha Rea, der Drehscheibe für illegalen Hundehandel. Im letzten Oktober erwischte es wieder vier Verantwortliche für diese Missetaten. Der Schmuggel floriert aber weiterhin etwa entlang des Mekong-Flusses und über Laos und Kambodscha, bis die Tiere schliesslich auch in Vietnam und China landen.

Wenn Sie das nächste mal die ausdrücke Thit (Fleisch) und Chó (Hund) in Kombination sehen, denken Sie an diesen Artikel und halten Sie sich fern. Sonst könnte Ihnen der beste Freund eines Menschen aufgetischt werden.