«Wo man wartet, bis man geheilt wird. Durch Arzt oder Zeit.»

Das Krankenhaus. Ärzte und Pfleger versuchen hier Tag ein Tag aus Krankheiten, Leiden, oder sonstige körperliche und seelische Schäden festzustellen, zu lindern und bestenfalls sogar gänzlich zu heilen. Tim sitzt neben Tran Van Ly. Dieser wartet auf seine Behandlung – schon was länger und er wird wohl auch noch was länger warten müssen, wie er selber sagt. Er hat die Nummer 587. Deshalb weiss er schon am Morgen, dass es mit seiner Behandlung wohl vor dem Nachmittag nichts mehr wird. Denn zwischen ihm und der aktuellen Nummer liegt eine Zahl im dreistelligen Bereich. Er erzählt, dass er schon den dritten Tag hier sei und sich inzwischen in der Nähe ein Zimmer angemietet habe. Es sei nur sehr schwer einschätzbar, wie lange es sich nun noch hinauszögern würde.
 
 
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Es hätte schlimmer kommen können: nur zwei von fünf gebrochen

 
Die Krankenhäuser in Vietnam haben alle das gleiche, dramatische Problem. Zu wenige Betten und viel zu geringes Personal. Eine chronische Überfüllung ist die Folge. Die Spitäler platzen aus allen Nähten und Tim fühlt sich unweigerlich an einen Marktplatz erinnert. Ein Bekannter hatte ihm gegenüber mal den treffenden Vergleich zwischen vietnamesischen Krankenhäusern und den Souks in Marrakesch angebracht. Dort ist auch immer viel Gedrücke, und alles ist konstant in Bewegung. Häufig müssen sich Patienten die wenigen Betten zu zweit oder zu dritt teilen. Manche schlafen direkt auf Strohmatten, die Kinder manchmal sogar unter den Betten. Der Personalmangel macht sich für die stationierten Patienten besonders bemerkbar: Nicht nur die körperliche Verpflegung wird von der Familie übernommen. Auch für die Assistenz des Arztes hat nicht immer eine Krankenschwester Zeit. Hier hilft ebenfalls die Familie.

Langnasen, also Ausländer, wie auch Tim einer ist, werden nur selten Leidtragende dieser Umstände. Häufig haben Langnasen nämlich etwas mehr von dem, was man zum leben braucht. Man leistet sich hiermit nicht nur den, "Fast-Pass", vorbei an den Massen von anderen Patienten, man kommt auch gleich in einen ganz anderen Teil des Krankenhauses. Hier ist alles etwas ruhiger und moderner. Die Betreuung wird von netten jungen Damen übernommen. Das kann sich auch trotz erhötem Blutdruck positiv auf die Genesung niederschlagen.

«Die Betreuung wird von netten jungen Damen übernommen. Das kann sich auch trotz erhötem Blutdruck positiv auf die Genesung niederschlagen.»


Doch egal ob man sich an der Schlange vorbei mogelt oder ob man das Warten durchsteht: Behandlung gibt es nur gegen bare Münze. Wobei, nicht ganz. Meist wird auch die Zahlung per Kreditkarte akzeptiert. Ohne Geld gibt's keine Behandlung. Allein der Eintritt kostet zwischen 4 und 15 Euro. Dazu wird man gewogen (ja, das muss sein) und der Puls wird gemessen. Egal ob der Fuss gebrochen ist, oder gleich der ganze Arm fehlt. Der Arzt bestimmt was gemacht wird. Und damit beginnt er erst, wenn auch im Voraus bezahlt worden ist. Das kann auch mal dazu führen, dass man stundenlang zwischen Arzt und Kassenhäuschen im Eingangsbereich hin- und herspringt. Selbst, wenn es zu unvorhergesehenen Zwischenfällen kommt, muss sofort eine Nachbezahlung erfolgen. Während die Begleitperson also zum Kassenhäuschen sprintet, legt der Arzt eine kurze Pause ein oder widmet sich einem anderen Patienten. Die Behandlung wird erst wieder aufgenommen, wenn dem Arzt eine Quittung vorgelegt wird. Ohne Moos nix los. Tim fragt sich an dieser Stelle immer, wie man dann mit akuten Ernstfällen umgeht und erhofft sich in solchen Fällen mehr Betroffenheit der Ärzte.

In Saigons Krankenhaus sind aktuell etwa 13 600 Patienten gemeldet. Davon sollten eigentlich um die 1600 Patienten stationär behandelt werden. Das Krankenhaus verfügt aber nur über 600 Betten. Dazu kommen die Prognosen, die einen jährlichen Patientenanstieg von 8-10% prognostizieren. Zur Entlastung hat Saigons Stadtverwaltung das Triage-Programm ins Leben gerufen. Demnach sollen in Zukunft Außenstellen der Krankenhäuser entstehen, sodass die Patienten besser verteilt werden können. Auch die Personalallast soll hierdurch verringert werden.

All diese Informationen hat Tim investigativ im Feldversuch gesammelt. Kurzerhand liess er sich über den Fuss fahren und seine Zehen brechen. Dadurch konnte er seine Leserschaft wie immer mit praxisnahen Informationen aus erster Hand versorgen. Alles für den Journalismus!