«Ausmasse, als würden Weihnachten, Neujahr und Ostern am selben Tag gefeiert.»

Das grösste nationale Fest in Vietnam. Ausmasse, als würden Weihnachten, Neujahr und Ostern am selben Tag gefeiert. Was für uns Europäer nahezu unvorstellbar scheint, findet in Vietnam jährlich statt. Übersetzt heisst es "Das Fest des ersten Morgens", hier sagt man in der Kurzform allerdings nur TET. Im Wesentlichen handelt es sich auch hier um Neujahr, allerdings nach dem Mondkalender. Deshalb findet das Fest auch immer erst Mitte Februar statt. Zu dieser Zeit steht das ganze Land still – zehntausende Familienmitglieder reisen aus den Grossstädten zurück in die Heimat, um gemeinsam mit der ganzen Familie zu feiern.
 

 
Bereits zwei Monate zuvor sind die Vorbereitungen schon überall zu spüren. Die Strassen werden mit Lichtspielen bestückt und überall finden sich hübsche Blumen zur Dekoration. Hauswände werden frisch gestrichen und auch von innen werden alle Häuser und Wohnungen feinsäuberlich geputzt und auf Vordermann gebracht. Besonders die Frauen brennen für neue Kleidung (auch sonst) für sich und ihre Liebsten. Schulden werden nach Möglichkeit beglichen. Das Fest der Feste soll mit reinem Tisch begonnen werden.

«Schulden werden nach Möglichkeit beglichen. Das Fest der Feste soll mit reinem Tisch begonnen werden.»


Märkte und Geschäfte laufen über vor Leuten, die sich grosszügige Vorräte anlegen wollen. Denn an TET will niemand arbeiten – selbst der Reis- und der Gemüsebauer nicht. Doch genau sie sind so wichtig für die Strukturen Vietnams, dass alles still steht, sollten sie nicht liefern. Die Märkte blieben leer und auch die Restaurants könnten nichts anbieten. Damit wäre das Land lahmgelegt. Deshalb steigen Spannung und Hektik besonders im finalen Monat von Tag zu Tag merklich. TET, für die meisten Einheimischen die einzigen Ferientage im ganzen Jahr, rückt in greifbare Nähe.

Das Neujahrsfest wird traditionell bei den Familien auf dem Lande verbracht. Dementsprechend leer sind die Grossstädte, eine nahezu gespenstische Atmosphäre kommt auf. In den Strassen auf dem Land sind alle in ihren neuen Kleidern chic herausgeputzt und feingemacht. Man verteilt überall fröhliche Grussworte: "Chúc mung nam moi" – "Ein frohes neues Jahr". Ausserdem werden kleine rote Briefumschläge verschenkt. In ihnen befindet sich etwas Bargeld, als Symbol für Wohlstand im neuen Jahr.

«Chúc mung nam moi» – «Ein frohes neues Jahr»


Der erste Neujahrstag steht ganz im Zeichen der Familie. Erst danach kommen Freunde und andere Verwandte an die Reihe. Und so passiert es nicht selten, dass man regelrecht von einer Feier zur nächsten springt.

Dieses wichtigste der vietnamesischen Feste hat für die Einheimischen eine enorme Symbolkraft. Daher gelten an den ersten drei Tagen des Jahres noch einmal ganz besondere Regeln und Bräuche. So wird es zum Beispiel tunlichst vermieden, an diesen Tagen das Haus zu wischen, da sonst mit dem Staub auch gleich sämtliches Glück des Jahres vor die Tür gesetzt wird. Kommt man am ersten Neujahrstag zu spät, so wird man das ganze Jahr zu spät kommen. Wer an dem Tag kocht, muss immer kochen. Und wenn Ihr hier zu schnell fahrt, dann werdet Ihr das ganze Jahr lang bloss in Hektik sein. So kam es, dass wir schlussendlich mit sagenhaften 20km/h durch Hoian fuhren. Während der drei Tage kein Streit, keine bösen Worte, alles abnicken und nur lächeln. Tim! Sonst passiert ja auch...

Weil man in diesen drei Tagen so unfassbar viel falsch machen kann, auch hier wieder Tims Schlusstipp für euch: Ich komme am besten mit "Ja, ich verstehe" durch diese Tage. Beispiel gefällig? Ich frage ,,Warum stellt ihr nun das ganze Essen auf den Familienaltar?". Die Antwort "Die verstorbenen Familienmitglieder essen zuerst und wir nehmen noch, was übrig bleibt" (also alles, Anm. Red.) nicke ich dann nur noch mit einem "Ja, ich verstehe" ab. Eine kleine Notlüge, die in diesen Tagen aber von grossem Wert ist.