Über das Heiligtum Handy



Autor: Tim Kieu

«Am besten aber hat man zwei, oder zumindest eines, in dem man mehrere Simkarten gleichzeitig nutzen kann.»

Von sieben Milliarden Menschen auf der Welt besitzen sechs Milliarden ein Handy. Davon leben 94 Millionen Menschen in Vietnam. Das Land hat aber ca. 143 Millionen gemeldete Anschlüsse. Da kommt man pro Kopf auf fast 1,5 Anschlüsse! Das reflektiert sich auch in dem, was man hier so beobachtet. Es wird geplaudert was das Zeug hält. Zu jeder Zeit, an jedem Ort und unter jedweden Umständen. Das Handygespräch ist dem Vietnamesen heilig. Jeder muss stets und sofort informiert werden, uns sei es mitten in der Nacht.

In Vietnam hat wirklich jeder ein Handy. Und ein Motorrad (aber das ist ein ganz eigenes Thema…). Wenn Du also hier unten kein Handy besitzt, fehlen Dir bereits 50% der Grundausstattung. Niemand verlässt ohne ein Handy das Haus. Am besten aber hat man zwei, oder zumindest eines, in dem man mehrere Simkarten gleichzeitig nutzen kann. Denn das Anrufen ist beim gleichen Anbieter billiger, also hat der Vietnamese von Welt am besten bei allen eine Karte – oder zumindest von den drei grossen Anbietern: Mobifon, Viettel und Vinafone. Diese werben regelmässigen mit neuen Rufnummern, die zugleich mit einem lukrativen Startguthaben versehen sind. Der Verbraucher spart also, wenn er sich direkt eine neue Karte kauft, anstatt die alte aufzuladen. Der Leser mit einem Talent für böse Vorahnungen denkt sich bereits: dies führt zu einem wilden Spiel von Nümmerchen wechsel dich.

Festnetzanschlüsse sind rar gesät. Will man jemanden erreichen, setzt man also am besten gleich aufs Handy; es ist praktisch ausgeschlossen, dass niemand abhebt. Sobald der schrille Ton erklingt, der einen über eingehende Anrufe informiert, lässt man alles stehen und liegen, um den Anruft entgegen zu nehmen. Alles andere sorgt nur für unnötige Besorgnis und dafür, dass so viele Anrufe eingehen, bis schliesslich doch irgendwann irgendwer abnimmt.

Ob mitten in der Geschäftssitzung oder während einer privaten Sitzung auf dem stillen Örtchen, in der Oper, im Theater und ja, selbst mitten im Strassenverkehr, Vollbremsung in mitten der Fahrbahn inklusive, muss der Hörer immer schnellstmöglich abgenommen werden. Da lässt man sich selbst von akutem Hochwasser nicht behindern (wie auf dem Bild oben schön zu erkennen ist). Neben dem für den Westler völlig unverständlichen vietnamesisch beginnt hier aber jeder den Anruf mit einem "Hello, hello".

Diese Abhängigkeit von dem handlichen Gegenstand führt dabei unweigerlich zu witziger Alltagskomik. Familie Tim schaut immer um 21.00 Uhr eine kitschige indische Fernsehserie. Die Frau starrt dabei immer wie versteinert in die Glotze – und wenn sich im Boden vor ihr ein Loch auftäte. Das einzige, was diesen Bann zu brechen vermag, ist ein klingelndes Mobiltelefon. Und sei der Anruf auch nur von dem neben ihr sitzenden Liebsten. Wie gut, dass es Handys gibt.


Top